Schon der Bildtitel verweist auf zwei berühmte Werke des 19. Jahrhunderts. Der spanische Surrealist Salvador Dalí (1904–1989) bezieht sich auf „Das Angelusläuten“ (1859) des französischen Realisten Jean-François Millet und auf „Die Toteninsel“ des Schweizer Symbolisten Arnold Böcklin (mehrere Fassungen entstanden zwischen 1880 und 1886). Beide Gemälde faszinieren durch ihre stille, fast unheimliche Atmosphäre.
Böcklin zeigt eine felsige Insel, die sich aus ruhigem Wasser erhebt. Ein Kahn mit einem Sarg und einer weiß verhüllten Gestalt nähert sich ihr unter einem dunklen Himmel. Millets Gemälde wirkt alltäglicher: Ein Bauernpaar hat die Arbeit unterbrochen und neigt sich im Gebet über einen Korb mit Kartoffeln. Doch auch dieses Bild strahlt eine eigentümliche Spannung aus. Es wurde in Frankreich zur Ikone – und 1932 sogar im Louvre mutwillig beschädigt. Dalí beschäftigte sich jahrelang mit Millets Darstellung. Er schrieb darüber ein Buch und griff das Motiv immer wieder in seinen Bildern auf – auch in seiner Adaption der Toteninsel.
Wie in beiden Vorbildern nimmt der Himmel in Dalís Gemälde einen großen Teil der Bildfläche ein. Am tief liegenden Horizont trifft er auf eine ruhige Wasserfläche, die im Sonnenlicht grünlich schimmert. Darin spiegelt sich eine schmale Landzunge mit einem hohen Bergrücken. Links im dunklen Vordergrund fällt ein weißer Kubus ins Auge. Darauf steht eine Tasse, aus deren brüchigem Rand ein dünner Metallstab senkrecht nach oben ragt.
Dalí gehörte zum Kreis der Pariser Surrealist*innen. Zur Bildfindung nutzte er seine „paranoisch-kritische Methode“. Sie sollte das Unbewusste sichtbar machen, das sich nach Sigmund Freud vor allem im Traum offenbart. Die Leere und Unbewegtheit des Dargestellten, aber auch Details wie die kleine Figur am Ufer erzeugen eine geheimnisvolle Spannung. Mit dieser traumhaften Landschaft versucht Dalí nicht nur, Böcklin und Millet zu zitieren – sondern ihre suggestive Wirkung noch zu übersteigern.
- Ort & Datierung
- 1932
- Material & Technik
- Leinwand
- Abmessungen
- 77,5 x 64,5 cm
- Museum
- Von der Heydt Museum
- Inventarnummer
- G 1049